Es ist jedes Mal aufs Neue faszinierend – und frustrierend zugleich –, wie effektiv man sich mit ADHS selbst blockieren kann.
Eine kleine Idee oder ein konkretes Alltagsproblem verwandelt sich im Kopf rasend schnell: erst in eine spannende Lösung, dann in ein Produkt, anschließend in ein Business – und am Ende fast zwangsläufig in ein globales Imperium mit Weltherrschaftsambitionen 😄
Und genau hier liegt das Problem.
Von guten Ideen und kompletter Lähmung
Die Ideen sind nicht das Problem. Im Gegenteil: Menschen mit ADHS haben oft sehr gute, kreative und praxisnahe Ideen. Das eigentliche Problem beginnt bei der Umsetzung.
Aktuell zeigt sich das bei mir sehr konkret am Thema Dokumentenmanagement. Ich möchte meine digitalen – und eigentlich auch alle anderen – Dokumente sinnvoll verwalten. Papierordner? Will heute niemand mehr. Also natürlich: Digitalisierung.
Technisch gibt es dafür hervorragende Lösungen. Zum Beispiel Paperless‑NGX (ehemals Paperless‑NG). Eine leistungsfähige Open‑Source‑Software, die Dokumente automatisch archiviert, verschlagwortet und durchsuchbar macht.
Der Haken: Man sollte sie nicht einfach offen ins Internet hängen. Das sagen sogar die Entwickler selbst. Also läuft sie idealerweise lokal – etwa auf einem NAS.
ADHS trifft Infrastruktur
Und hier kommt ADHS ins Spiel.
Ja, ich könnte das lokal betreiben. Ja, ich habe ein NAS. Ja, ich könnte mich per VPN von unterwegs verbinden.
Aber ich kenne mich.
Ich baue „nur kurz“ etwas um. Ziehe „mal eben“ ein Kabel. Ändere „schnell“ eine Einstellung. Und sobald etwas nicht einfach, stabil und jederzeit verfügbar ist, nutze ich es nicht mehr.
Das ist eine der härtesten ADHS‑Realitäten:
Wenn es nicht maximal einfach ist, existiert es faktisch nicht.
Also habe ich mir einen Server gemietet, WireGuard eingerichtet, den Zugriff sauber eingeschränkt – technisch alles kein Hexenwerk. Das System läuft. Eigentlich perfekt.
Und dann eskaliert der Gedanke
Kaum läuft es für mich, geht es im Kopf los:
- Wenn das für mich funktioniert – warum nicht für andere?
- Der Ressourcenbedarf ist überschaubar.
- 5–10 € im Monat wären realistisch.
- Viele Menschen haben genau dieses Problem.
Plötzlich ist aus „Ich will meine Dokumente sortieren“ ein potenzielles SaaS‑Produkt geworden.
Und ab hier kippt es.
Denn jetzt müsste man:
- Infrastruktur planen
- Sicherheitskonzepte schreiben
- ein Geschäftsmodell entwickeln
- Rechtliches klären
- Marketing machen
- Inhalte produzieren
Technisch? Machbar. Gedanklich? Kein Problem. Emotional und praktisch? Totale Blockade.
Die typische ADHS‑Spirale
Das Muster ist immer gleich:
- Idee
- Begeisterung
- Maximale gedankliche Ausweitung
- Riesige Aufgabenwand
- Stillstand
Und das Absurde daran: Am Ende nutze ich nicht mal mehr die Lösung für mich selbst, obwohl sie im Kern längst funktioniert.
Warum?
Weil im Kopf ständig dieses „man könnte ja noch …“ läuft.
Warum unser Gehirn das macht
ADHS‑Gehirne sind extrem gut darin:
- Systeme zu denken
- Zusammenhänge zu erkennen
- Zukunftsszenarien zu bauen
Was sie schlecht können:
- priorisieren
- abbrechen
- Dinge bewusst klein halten
Das Gehirn will das „große Ganze“. Dopamin gibt es für neue Möglichkeiten – nicht für saubere Abschlüsse.
Tools helfen – aber nur bedingt
Es gibt Werkzeuge wie Goblin Tools, die Aufgaben herunterbrechen können. Das ist sinnvoll. Wirklich.
Man kann einstellen, wie fein ein Projekt zerlegt wird – von „Domain registrieren“ bis „Homepage aufsetzen“.
Das Problem ist nur:
Struktur löst nicht das emotionale Festhalten an Ideen.
Der eigentliche Knackpunkt: Loslassen
Mein eigentliches Ziel wäre nicht, jede gute Idee umzusetzen.
Mein Ziel wäre:
- Ideen zu Ende denken
- sie bewusst abzulegen
- innerlich einen Haken dranzumachen
Und genau das fällt mir extrem schwer.
Ich merke, dass ich seit Wochen immer wieder zu diesem Thema zurückkehre. Nicht, weil es dringend wäre – sondern weil es im Kopf „offen“ ist.
Offene Fragen an euch
Vielleicht habt ihr:
- Strategien, um Ideen mental abzuschließen
- Rituale zum bewussten Loslassen
- Wege, Projekte sauber zu parken
- oder einfach ehrliche Erfahrungen
Vielleicht ist es auch okay, einen Projektplan einmal fertig zu schreiben, öffentlich zu machen – und dann zu sagen: Wenn jemand anderes Lust hat: bitteschön.
Ich weiß es nicht.
Aber ich weiß, dass diese Blockade ein sehr typisches ADHS‑Thema ist – und selten offen besprochen wird.
Danke fürs Lesen. Habt einen guten Tag.